{"id":176,"date":"2021-04-18T11:17:08","date_gmt":"2021-04-18T11:17:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hamadeh-texte.de\/?p=176"},"modified":"2023-07-21T12:02:17","modified_gmt":"2023-07-21T12:02:17","slug":"enheduanna-erste-namentlich-bekannte-autorin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hamadeh-texte.de\/?p=176","title":{"rendered":"Enheduanna &#8211; erste namentlich bekannte Autorin"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/hamadeh-texte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/blog_03_.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-177\" width=\"105\" height=\"186\" srcset=\"https:\/\/hamadeh-texte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/blog_03_.png 210w, https:\/\/hamadeh-texte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/blog_03_-169x300.png 169w\" sizes=\"auto, (max-width: 105px) 100vw, 105px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie lebte in der Stadt Ur im 23. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, war Hohepriesterin und Tochter des Sargon von Akkad, der alles, was vor ihm war, pr\u00e4-sargonisch machte &#8211; Enheduanna, der erste Mensch, der als Autor identifizierbar ist. Sie ist der dritte Meilenstein in der Geschichte des Schreibens nach dem Gilgamesch-Epos, das noch ein paar hundert Jahre tiefer in die Vergangenheit reicht, und dem Schreiben selbst, also der sumerischen Keilschrift und den \u00e4gyptischen Hieroglyphen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind die Texte, die die Vorgeschichte von der Geschichte trennen. Geschichte im engeren Sinne ist definiert als die Phase der Menschheit, in der geschrieben wird. Von der wir Namen und Beschreibungen haben. Die Mega-Kultst\u00e4tte G\u00f6bekli Tepe und die H\u00f6hlenmalereien in der Grotte von Lascaux sind nach dieser Definition vorgeschichtlich. Geschichte ist nur die 5000 Jahre hohe Spitze des Eisbergs im Leben des Homo sapiens, das mindestens 200.000 Jahre in die Tiefe geht. Das sind \u00fcberw\u00e4ltigende Zahlen, wenn man ber\u00fccksichtigt, dass wir schon stolz sein k\u00f6nnen, wenn wir eine Ahnenreihe von zwanzig Generationen gew\u00e4rtig haben, obwohl wir damit nur bis zu Kolumbus\u2018 Amerika-Expedition reichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um die Verschmelzung von Zeit und Wort geht es hier und um die ersten Namen, nicht darum, was\u00a0 Enheduanna zu sagen hatte. Denn was es bedeutet, Namen aus so fr\u00fchen Epochen zu kennen, das k\u00f6nnen wir uns heute kaum noch vorstellen. Wer nachliest, in welch kreativer und kleinteiliger Fitzelarbeit die \u00e4ltesten bekannten verschriftlichten Sprachen &#8211; mehr als zwei Dutzend &#8211; seit dem 19. Jahrhundert reanimiert worden sind, wird merken, dass wir erst seit kaum mehr als 150 Jahren anfangen zu verstehen, was damals eigentlich los war. Zuvor fing die Welt f\u00fcr einen Europ\u00e4er mit der Bibel, Homer und Aristoteles an. Zum Vergleich: Die fr\u00fchesten Bibeltexte sind ungef\u00e4hr 1700 Jahre vom geschriebenen Gilgamesch-Epos entfernt, Aristoteles noch knapp 700 Jahre weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach, ja danach wird es immer klarer, denn es folgen Traditionen und Ketten, Bez\u00fcge und Erw\u00e4hnungen, immer mehr Texte, fast nur noch in Alphabeten anstatt in unpraktischer Silbenschrift. In Alexandria entsteht eine riesige Bibliothek, die bis heute als Prototyp im Kollektivged\u00e4chtnis verblieben ist &#8211; anders als Ashurbanipals \u00e4ltere, riesige Keilschriftbibliothek im assyrischen Niniveh im siebten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, die wir noch nicht so lange kennen. Aber auch Ashurbanipal hatte den Anspruch, alles geschriebene Wissen der Welt zu sammeln, und er hatte eine Menge Energie und Mittel, um diesen Plan auch umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn das so ist, wenn es uns also erst seit etwa 150 Jahren langsam d\u00e4mmert, was kann uns dann in der Zukunft noch erwarten? Die Entdeckung der erstaunlich alten Steinpfeiler von G\u00f6bekli Tepe kurz vor dem Milleniumswechsel etwa haben diverse Datierungen und Zuordnungen durcheinandergebracht. St\u00e4ndig werden Ereignisse und Entwicklungen vordatiert, weil man neue Belege findet. Immer mehr alte Texte werden analysiert. Au\u00dferdem k\u00f6nnen wir heute mit Scans und Luftaufnahmen und Radio-Karbon und starken Rechnern viel besser forschen als fr\u00fcher, noch dazu mit einem bedeutend gr\u00f6\u00dferen Personal als in der Zeit der Pioniere der Arch\u00e4ologie. Dazu kommt, dass Outsider-Meinungen mehr Geh\u00f6r finden k\u00f6nnen, wenn sie interessante Theorien hervorbringen, denn der Wissenschaftsbetrieb ist auf diesem Sektor insgesamt weniger gesteuert als fr\u00fcher. Da wird noch viel passieren. W\u00e4re es nicht wunderbar, wenn unter den Eisschichten irgendwo eine Schrift auftauchte, die seit 13.000 Jahren niemand mehr gesehen hat?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Woods, Christopher (ed.) (2010): Visible Language. Inventions of Writing. Oriental Institute Museum Publications Number 32. University of Chicago. 240 pp.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Zu Ashurbanipals Keilschriftbibliothek siehe das einst\u00fcndige, sehr unterhaltsame Interview mit Prof. Irvin Finkel vom 06.01.2021 auf dem Kanal British Museum Events unter <a href=\"https:\/\/youtu.be\/Ls9JkxFEB9g\">https:\/\/youtu.be\/Ls9JkxFEB9g<\/a> (in englischer Sprache)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie lebte in der Stadt Ur im 23. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, war Hohepriesterin und Tochter des Sargon von Akkad, der alles, was vor ihm war, pr\u00e4-sargonisch machte &#8211; Enheduanna, der erste Mensch, der als Autor identifizierbar ist. Sie ist der dritte Meilenstein in der Geschichte des Schreibens nach dem Gilgamesch-Epos, das noch ein paar hundert Jahre tiefer in die Vergangenheit reicht, und dem Schreiben selbst, also der sumerischen Keilschrift und den \u00e4gyptischen Hieroglyphen. 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