{"id":156,"date":"2021-03-11T19:28:56","date_gmt":"2021-03-11T19:28:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hamadeh-texte.de\/?p=156"},"modified":"2021-03-11T19:55:12","modified_gmt":"2021-03-11T19:55:12","slug":"warum-haben-wir-keinen-eigenen-anrufbeantworter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hamadeh-texte.de\/?p=156","title":{"rendered":"Warum haben wir keinen eigenen Anrufbeantworter?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/hamadeh-texte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/blog_02.png\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist blog_02.png\" width=\"73\" height=\"193\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Und? Job Journey richtig gemappt? Oder eher Overload? Dann am besten neu framen. &#8211; Wann haben wir eigentlich damit aufgeh\u00f6rt, uns f\u00fcr neue Dinge eigene Begriffe auszudenken? War es 1963, als die Zeitung Die Zeit das Wort \u201eAnrufbeantworter\u201c zum vielleicht ersten Mal verwendete? Hier war dem \u00dcbersetzer Null anscheinend entgangen, dass das englische Verb \u201eto answer\u201c nicht nur <em>(be)antworten<\/em>, sondern auch <em>abnehmen<\/em>, <em>rangehen<\/em>, <em>aufmachen<\/em> und <em>auf etwas eingehen<\/em> bedeuten kann, wenn es n\u00e4mlich um Telefone, Haust\u00fcren oder Anfragen geht. Inzwischen gibt es die <em>Mailbox<\/em> und der Fehler ist raus, das Englische allerdings nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einem falschen Freund ist auch ein Mediziner auf den Leim gegangen, als er in den Achtzigerjahren zum ersten Mal \u201eevidenz-basiert\u201c \u00fcbersetzt hat, was sich invasiv in weiteren Wissenschaften breit gemacht hat. Aber im Deutschen ist evident, was klar und einleuchtend ist; das englische \u201eevident\u201c bezieht sich hier auf Belegbarkeit. Demnach ist \u201enachweisorientiert\u201c die richtige \u00dcbersetzung, nur hat sie sich nicht durchgesetzt. Offenbar ist es zu sp\u00e4t, einen solchen Begriff zu korrigieren, wenn er erst einmal eine Kuhle ins Sofa des Sprachgebrauchs gesessen hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klar, mancher Sprachimport leuchtet uns an im Glanz des Englischen, sodass wir ihn mit demselben Wort auch haben wollen, denn sonst ist es nicht dasselbe. Ein Tablet ist eben ein Tablet. Klar ist auch, dass einheitliche Begrifflichkeiten die Dinge einfacher machen in einer zusammengewachsenen Welt, und auch, dass die \u00dcbersetzer bei der Flut neuer Entwicklungen in Technik und Wissenschaft schlicht \u00fcberfordert sind. Manches l\u00e4sst sich zumindest einigerma\u00dfen \u00fcbertragen wie das <em>Wischen<\/em> auf dem Tablet, das <em>Herunterladen<\/em> und <em>Speichern<\/em>. Nat\u00fcrlich kann auch das schiefgehen, siehe <em>herunterbrechen<\/em> (statt <em>aufschl\u00fcsseln<\/em>) oder <em>lahm<\/em> als lahme \u00dcbernahme des amerikanischen Jugend-Slang-Worts \u201elame\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Falsche Freunde, eingenistet, und Nachgeplapper aus dem Englischen \u2011 derzeit fast unsere einzige Quelle f\u00fcr Neuzug\u00e4nge &#8211; lassen den Geist neugierig in die Geschichte zur\u00fcckblicken. Zum Beispiel zu den Mystikern, die das Unsagbare auf Deutsch \u201egewortet\u201c haben wollten, das sie, wenn \u00fcberhaupt, nur aus dem Lateinischen kannten. Seitdem <em>leuchten<\/em> uns Dinge <em>ein<\/em>, wir sind <em>empfindlich<\/em> geworden und Dinge sind uns <em>anschaulich<\/em>; wir haben <em>wesentliche Eindr\u00fccke<\/em> und dies sind <em>blo\u00df<\/em> Beispiele f\u00fcr den <em>Einfluss<\/em> der gebildeten Mystiker, die uns auch die Endungen <em>Heit<\/em> und <em>Keit<\/em>, <em>Ung<\/em> und <em>Lich<\/em> geschenkt haben. Und das <em>All<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denken wir zur Inspiration auch an f\u00fcnf gro\u00dfe deutsche Wortsch\u00f6pfer der nach-mystischen Zeit, angefangen bei Luther, den Christian Feldmann in der FAZ mit konservativ-\u00fcberschw\u00e4nglicher Verve den \u201egenialsten Sprachsch\u00f6pfer aller Zeiten\u201c nennt, weil er uns beutelweise Kleinodien wie <em>Machtwort<\/em>, <em>Schandfleck<\/em> und <em>L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer<\/em> gebracht hat. Erst seit Luther <em>bei\u00dfen<\/em> wir <em>die<\/em> <em>Z\u00e4hne zusammen<\/em>, <em>bauen<\/em> <em>auf Sand<\/em> und <em>tappen<\/em> <em>im Dunklen<\/em> &#8211; beziehungweise eben nicht mehr. Weniger bekannt ist heute Justus Georg Schottel, der um 1663 seine grammatische Terminologie pr\u00e4gte und W\u00f6rter wie <em>Mundart<\/em>, <em>Wurzel<\/em>, <em>abwandeln<\/em> und <em>Ableitung<\/em> in die Sprache einf\u00fchrte. Philipp von Zesen (starb 1689) gab uns unter anderem die <em>B\u00fccherei<\/em>, den <em>Gesichtskreis<\/em> und die <em>Vollmacht<\/em>. Im fr\u00fchen 19. Jahrhundert stach Joachim Heinrich Campe heraus, dem es ein erfolgreiches Anliegen war, Fremdw\u00f6rter zu ersetzen &#8211; er h\u00e4tte sich niemals mit einem <em>Anrufbeantworter<\/em> abgefunden! Auf ihn und seinen Einfluss gehen zum Beispiel die <em>Esslust<\/em> (Appetit) zur\u00fcck, das <em>Zerrbild<\/em> (Karikatur), der <em>Kreis-<\/em> und <em>Umlauf<\/em> (Zirkulation), der <em>Freistaat<\/em> (Republik), der <em>Bittsteller<\/em> (Supplikant) und das <em>Stelldichein<\/em> (Rendezvous). Im gleichen Geist erfand Turnvater Jahn die <em>Besprechung<\/em> f\u00fcr die Rezension.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich frage mich, warum heutzutage das Nachkriegswort \u201eHeimwerken\u201c funktioniert, das Wort \u201eHeimarbeit\u201c aber nicht. Das klingt altbacken und man denkt an Krabbenpuler oder Leute, die Kugelschreiber zusammenbauen. Wir sagen auch nicht \u201eTele-Arbeit\u201c, nein, das \u201eHomeoffice\u201c soll es sein. Schaut man auf die Listen neuer W\u00f6rter im Deutschen, findet man wenig Sch\u00f6nes, Elegantes oder Praktisches. <em>Merkeln<\/em> f\u00fcr \u201elavieren, unt\u00e4tig sein\u201c ist griffig. K\u00fcrzlich h\u00f6rte ich im Radio <em>verimpfen<\/em> (ein Kontingent), das ist h\u00fcbsch. Der <em>Hamsterkauf<\/em> kam k\u00fcrzlich wieder auf, aber der stammt schon aus dem Kohlr\u00fcbenwinter 1916. Ich glaube, man kann trainieren, f\u00fcr Dinge selbst W\u00f6rter zu finden. Wahrscheinlich fallen uns im Alltag sogar oft welche ein, die wir aber schnell vergessen, um auf den gewohnten Gleisen zu bleiben und nicht aufzufallen, auch uns selbst nicht. Man k\u00f6nnte sich ja eine Bl\u00f6\u00dfe geben, wie die Kinder, die st\u00e4ndig W\u00f6rter erfinden, als sei es das Normalste auf der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich jedenfalls habe k\u00fcrzlich das Wort <em>Stild\u00e4mpfung<\/em> verwendet, um auszudr\u00fccken, dass man in bestimmten Situationen nicht zu eloquent oder zu individuell schreiben sollte. Und in einer E-Mail: \u201eMan bekommt dort eine \u00dcberschrift und ein <em>Machmal<\/em>.\u201c Aus dem Arabischen habe ich einmal das Wort <em>Taqriib<\/em> (N\u00e4herbringung) \u00fcbernommen, um Techniken zu erkl\u00e4ren, die bestimmte Situationen und Zust\u00e4nde beg\u00fcnstigen. Je mehr ich dar\u00fcber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass man f\u00fcr gute neue W\u00f6rter drei Dinge braucht: den angeborenen Muskel, den man trainieren kann, die soziale Umgebung, die selbstgemachte W\u00f6rter zul\u00e4sst, und das Allerwichtigste: das Neue &#8230;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Quellen:<\/em><\/strong><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Zum Anrufbeantworter: \u201eMan kann nun auch getrost das Telephon allein lassen: Es gibt [\u2026] den Anrufbeantworter. Er gibt, wenn sein Herr nicht da ist, selbst\u00e4ndig Ausk\u00fcnfte (die vorher auf Tontr\u00e4ger gespeichert worden sind) und fordert den Anrufenden auf, 30 Sekunden lang seine W\u00fcnsche zu erz\u00e4hlen. [Die Zeit, 18.10.1963, Nr. 42]\u201c via https:\/\/www.dwds.de\/wb\/Anrufbeantworter<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Zu den Mystikern: Peter von Polenz (2009<sup>10<\/sup>), Geschichte der deutschen Sprache, de Gruyter, S. 52ff. Zu von Zesen<\/em><em> S.<\/em><em> 104, zu Campe\/Jahn S. 108.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Zu Luther, dem genialsten Sprachsch\u00f6pfer aller Zeiten, siehe FAZ, 12.06.2017: <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/viele-redewendungen-gehen-auf-martin-luther-zurueck-15045825.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/viele-redewendungen-gehen-auf-martin-luther-zurueck-15045825.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und? Job Journey richtig gemappt? Oder eher Overload? Dann am besten neu framen. &#8211; Wann haben wir eigentlich damit aufgeh\u00f6rt, uns f\u00fcr neue Dinge eigene Begriffe auszudenken? War es 1963, als die Zeitung Die Zeit das Wort \u201eAnrufbeantworter\u201c zum vielleicht ersten Mal verwendete? 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